Vortrag über verkürzte Kritik am Kapitalismus

3. Juli 2006

- Vortrag -

Die Linke und der Kapitalismus – von raffgierigen Heuschrecken, kulturlosen Yankees und fiesen Zionisten – eine Kritik an der verkürzten Kapitalismuskritik

Zunächst erfolgt eine Analyse der Struktur der kapitalistischen Gesellschaft, in welcher der Kapitalismus als apersonales verselbstständigtes Herrschaftssystem definiert wird. Einige Erläuterungen zum Fetischcharakter der Waren und dem Verhältnis von konkreter und abstrakter Arbeit sind als kleiner Exkurs in die Marxsche Werttheorie notwendig, um beispielsweise einer verkürzten Kapitalismuskritik die zwischen raffendem und schaffendem Kapital schwarz-weiß malt, den theoretischen Boden zu entziehen. Dabei muss jedoch konstatiert werden, dass eine Kapitalismuskritik in der zur Verfügung stehenden Zeit ebenfalls nur eine verkürzte sein kann. Innerhalb eines historischen Abrisses der Entwicklung des Kapitalismus (1., 2. & 3. industrielle Revolution) wird verstärkt auf krisenideologische Reserven, das fordistische Model und den Keynesianismus eingegangen, bevor im weiteren über die verkürzte Kapitalismuskritik von Links, von Rechts und aus der Mitte der Gesellschaft referiert wird. Schwerpunkt soll jedoch die verkürzte Kapitalismuskritik von Links sein, so dass auch auf die heterogene globalisierungskritische Bewegung und die antiimperialistiche Linke kritischer Bezug genommen wird. Dabei wird insbesondere der Antisemitismus aber auch der Antiamerikanismus als falsche Projektionen kritisiert, die das Wesen einer nachhaltigen Kapitalismuskritik gänzlich verfehlen, wenn nicht zu verklären trachten und die verselbständigte Wertvergesellschaftung als personale Konspiration halluziniert. So wird abschließend konstatiert, dass der Kapitalismus keine Verschwörung von einigen wenigen ist, sondern nur deshalb funktioniert, weil wir als Teil des großen Räderwerks funktionieren. An den Vortrag sollte sich eine Diskussion anschließen.

Quo vadis sinistra?

- kritisches Thesenpapier eines Aktivisten unserer Gruppe wider regressiver Theorien in der Linken vom Mai 2006 -

DIE MÜßIGGÄNGER SCHAFFT BEISEITE …

Diese Worte stammen aus der Internationale, der weltweit bekanntesten Hymne der ArbeiterInnenbewegung. Wenn ich diesen Schwachsinn lese, höre oder was auch immer, dann kommt mir regelmäßig die Wurst. Dieses Lied ist nichts weiter, als eine Ode an die Arbeit und da sind wir schon beim ersten Kritikpunkt angelangt:
Ein positiver Arbeitsbezug ist perspektivisch für die gesamte Geschichte der Traditionslinken. Schon die ArbeiterInnenbewegung übernahm die Überhöhung der Arbeit zur Wesensbestimmung von der bürgerlich-protestantischen Ideologie. So kam es dann auch zur Instrumentalisierung der ArbeiterInnen als eine revolutionäre Klasse.
Arbeit ist heute das gemeinsame Identifikationsmuster, das sich quer durch die gesamte Gesellschaft zieht. Kaum eineR erkennt, dass sie ein wesentliches Strukturmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft ist oder hinterfragt gar die Zusammenhänge von Arbeit und Kapitalismus. Stattdessen ertönt von allen Seiten der Ruf nach mehr Arbeit! Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Und so findet der arbeitswütige Mob in Florida-Rolf und Mallorca-Katrin auch seine perfekten Feindbilder. Sozialschmarotzer, welche der Volksgemeinschaft schaden, hatten wir das nicht alles schon mal …?
So wie sich die kapitalistische Gesellschaft permanent weiterentwickelte, veränderten sich auch die Erscheinungsformen der Arbeit. Unverändert blieb hingegen ihr abstrakter Charakter. Egal ob Tayloristische Arbeitsteilung und Rationalisierung, ob fordistische Modernisierung mittels Fließband und Lohnpolitik, egal ob keynesianisch geprägter Wohlfahrtsstaat, die Arbeit gilt heute als einzig legitimes Fundament unserer Gesellschaft.
Trotz des logischerweise mit Rationalisierung, Technisierung, Computerisierung und Kybernetisierung einhergehenden sprunghaften Anstiegs der Arbeitslosigkeit, findet auch heute kein Umdenken statt. Die von Arbeit gelenkte Gesellschaft erlebt keine Krise, nein sie stößt an ihre absolute Schranke. Dabei zeigt sie sich aber gerade in ihrem Ableben als eine totalitäre Macht! Das gescheiterte Experiment „Dienstleistungsgesellschaft“ setzt auf ein perfides Controllingsystem und ein gigantischer Verwaltungsapparat bürokratisiert diese Krisis. Mit Recht kann Mensch diesen Vorgang als Krisenmanagement bezeichnen! Die Produktion setzt dagegen von Effizienz und Profitmaximierung getrieben auf „Outsourcing“. Die Arbeit wandert also dorthin, wo sich menschliche Arbeitskraft noch viel besser und profitabler ausbeuten lässt.
Das wesentliche Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft war die doppelte Freiheit des Individuums. Es unterlag nicht mehr den personalen Unterdrückungsmechanismen, an denen es im Feudalismus nicht mangelte. Aber es begann sich damals ein ökonomisches System zu etablieren, dessen verinnerlichte Logik dazu führte, dass wir alle (egal ob KapitalistIn oder einfache(r) IndustriearbeiterIn) ganz anderen Abhängigkeitsmechanismen unterworfen wurden. Das freie Individuum war schließlich gezwungen, das zu verkaufen was es anzubieten hatte – seine Arbeitskraft. Diese wurde in einer Logik der permanenten Verwertung des Wertes so abstrahiert, dass eine Gesellschaft entstand, wo Reproduktion sich mit der Produktion vermittelte und zwar so, dass die Gesellschaftlichkeit der Arbeit nicht unmittelbar ist, sondern die Arbeit von voneinander unabhängigen PrivatproduzentInnen erst über den Markt vermittelt wird. Die/der Einzelne ist nur noch ein Teil des Warenproduktionsspektakels und in dieser Position ist es letztlich die Konkurrenz, die den gesellschaftlichen Charakter von Produktion und Konsumption gültig macht. Wir sind also nichts als zu Subjekten degradierte Objekte!!!
Fortschritt sollte doch aber eher darauf basieren, dass möglichst Viel mit möglichsten geringem (Arbeits)aufwand erreicht wird. Stattdessen ist die Vernutzung der menschlichen Arbeit ein Hauptmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft, dessen Ursprung (das protestantische Arbeitsethos) selbst von linker Seite zu selten hinterfragt wird.


… CAPITALISM WORKS CAUSE WE WORK …

Als der Schwiegersohn von Marx – Paul Lafargue den ollen Karl darüber informiert hat; dass es in Frankreich jetzt Marxisten gibt, soll dieser erwidert haben: „ … wenn das Marxismus ist, dann bin ich kein Marxist.“. Das, was die ArbeiterInnenbewegung aus der Theorie des wohl brillantesten Analytikers und Kritikers des kapitalistischen Systems gemacht hat, ist aber auch zu beschämend. Der ganze Müll, der uns heute unter dem Synonym: „realexistierender Sozialismus“ bekannt ist, hat mit seinem Werk nicht im Geringsten zu tun! Der olle Marx erkannte nämlich schon damals das wa(h)re Wesen des Kapitalismus, welches alle Menschen (KapitalistIn wie ArbeiterIn) in einen Zwangszusammenhang presst und der sich so vergesellschaftlicht hat, dass ein Denken außerhalb der abstrakten kapitalistischen Kategorien fast unmöglich geworden ist.
Wie bereits erwähnt, handelt es sich beim Kapitalismus um ein personales Herrschaftsverhältnis und letztendlich sind wir auch alle an seinem Funktionsprinzip beteiligt. Natürlich hat einE KapitalistIn eine bessere materielle Ausgangsposition, als zum Beispiel einE Hartz-4- EmpfängerIn. Das liegt aber nicht daran, dass der/die fiese KapitalistIn die Menschen mal eben ausbeutet, weil ihm/ihr gerade mal so gelegen ist. Nein, er/sie ist bestrebt genau das zu tun, was ihm/ihr in diesem kranken System der Verwertung des Wertes auferlegt wird: zu investieren, zu produzieren und den Mehrwert zu reinvestieren, ergo den Profit zu maximieren. Auch, wenn dabei ´ne große Stange Kohle für die eigene Bedürfnisbefriedigung abfällt, während andere am Hungertuch nagen müssen. Der/die ArbeiterIn hingegen verkauft ihre Arbeitskraft als Produktivmittel, oder ist gezwungen dies zu tun: um einerseits überhaupt existieren zu können, auf der anderen Seite aber auch um die Möglichkeit zum konsumieren zu haben, also einen gewissen Lebensstandard aufrechterhalten zu können. Aber das ist ja gerade die kranke Logik des Kapitalismus. Das dann in allen unterschiedlichen Perioden seiner Entwicklung immer unzählige Menschen in Armut leben müssen, dass der Wohlstand der kapitalistischen Basis – also der westlichen Industriegesellschaften zu großen Teilen aus der Ausbeutung der Dritten Welt resultiert, dass unser Planet langsam den Bach heruntergeht, all dass ist dem Kapitalismus dabei Scheiß egal …
Er funktioniert eben auch dann, wenn ´ne Menge Menschen im Elend leben müssen, ja gerade zu jämmerlich krepieren!
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es keinen Sinn macht, den Kapitalismus sanieren zu wollen, ihn „menschenfreundlicher“ zu machen – so wie es Teile der globalisierungskritischen Bewegung einfordern. Die Logik die ihm innewohnt bricht sich immer wieder Bahn. Die einzige Konsequenz liegt darin, dieses beschissene System endlich abzuschaffen!

… NO NATIONS BUT HINTERBOTZENBRÜCK?

Es ist noch keine zehn Jahre her, da war es in der Linken ein recht beliebtes Hobby bei Demos die Nationalfahnen der verschiedensten Länder spazieren zu tragen. Mensch sympathisierte mit den Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ – da war es auch völlig egal, dass so manches Mal eine Blut und Boden-Ideologie oder ein stranger Nationalrevolutionär der Marke Che das Fundament dieser seltsamen Solidarität war. Genau so egal war, dass klassische Positionen wie Emanzipation in diesen Bewegungen selten eine Rolle spielten – aber Dualismen bin ich von dieser Linken ja schon gewöhnt. Freiheit für das kurdische Volk, Freiheit für das nicaraguanische Volk, Freiheit für das palästinensische Volk. Immer war nur vom Volk die Rede; ein Konstrukt, das eigentlich nur Nationalisten verwenden. Und für die ist ein Volk, das bis zur physischen Vernichtung kämpft auch sehr attraktiv! Logisch, dass Palästinenserfahnen und Palitücher klassisches Repertoire der Nasen geworden sind. Auch wenn heutzutage in dieser Hinsicht bereits ein notwendiges Umdenken stattgefunden hat, noch zu viele Linke horchen verwundert auf, wenn Kritik am fanatischen Terror der Hamas und anderer islamitischer Gruppierungen geäußert wird. Was war das für ein Aufschrei, nachdem in Dänemark die Karikaturen des „Propheten“ veröffentlicht worden? Wer schreit denn aber bitte auf, wenn täglich in diversen arabischen Tageszeitungen Karikaturen im Stürmerstil gegen Israelis erscheinen? Und auf die Frage, warum es nicht Bestandteil linker Debatten sein darf, die patriarchale Rollenverteilung aus dem grünen Buch aufs Schärfste zu kritisieren, die simpelsten Rechte auf Meinungsfreiheit einzufordern und die Homophobie, sowie den propagierten Antizionismus der Islamisten zu verurteilen, da geben mir die Wenigsten eine plausible Erklärung. Auch, dass ein Ehrenmord aus eindeutig religiösen Motiven einfach im allgemeinen patriachalen Nebel verschwinden kann, während hier jedes männliche Diskussionsverhalten, Mackertum usw. (zu Recht!!!) kritisiert wird, lässt mich so manches Mal am kritischen Verständnis der Linken zweifeln.
Unter Nation selbst ist letzten Endes ein synthetisches Identifikationsobjekt auf Basis der mythischen Konstruktion von Gemeinschaft zu verstehen. Schon die Formung einer „nationalen Identität“ erfordert automatisch die Ausgrenzung Anderer. Sie basiert also automatisch auf einem rassistischen, sexistischen und chauvinistischen Gefüge. Die Ableitung der ‚speziellen’ Nation muss aber auch im historischen Kontext analysiert werden. So entstand die deutsche Identität beispielsweise immer mittels Abgrenzung zu den „Anderen’“; diese seltendämliche Argumentation hat sich auch bis heute kaum geändert, wie sonst erklärt Mensch sich die saudoofe Auch-Du-Bist-Deutschland-Kampagne, oder den Deutschtest für MigrantInnen?

ANTIAMERIKANISMUS, DER LINKEN LIEBSTES FEINDBILD …
Der Verursacher allen Übels wird auch sehr schnell ausfindig gemacht. Die USA dienen vielen Gruppen (großen Teilen der globalisierungskritischen Bewegung, Traditionslinke, Antiimps) als Projektionsfläche aller Probleme und Widersprüche. Nicht der Gesamtzusammenhang des Kapitalismus wird erkannt und kritisiert, sondern nur ein einzelnes Element herausgepickt. Im Antiamerikanismus etabliert sich eine gefährliche, dem Antisemitismus im Wesen verwandte Ideologie. Diese beansprucht für sich, die bestehenden Verhältnisse in ihrer Widersprüchlichkeit, Komplexität und Unmenschlichkeit zu erklären. Die hegemoniale Position der USA und ihre Politik, die sich logischerweise aus dem Zwangszusammenhang des Kapitalismus bedingen, verwandeln sich so zum personifizierten Bösen. Aber leider geht das linksradikale Kapitalismusverständnis vieler Gruppen selten über eine anklagende Ornamentierung der agitatorischen Koppelung von Ausbeutung und Unterdrückung hinaus. Erkannt wird dabei nicht, dass sich die USA historisch als Gegenpol zum aristokratisch-monarchistischen Europa formierten. Diese Formierung bildet stattdessen den Ursprung des Ressentiments. Progressive Einflüsse werden automatisch unter das Label ‚Yankee’ summiert. So ist es auch kein Wunder, dass hierzulande viele vom amerikanischen Kulturimperialismus sprechen, während kaum eineR die zunehmende Nationalisierung der deutschen Popkultur anprangert.
Viele verwechseln aber auch die richtige Kritik am Antiamerikanismus mit der Legitimation der US-Politik. Dabei geht es einzig darum, dass der Kapitalismus als nicht personaler Unterdrückungsmechanismus verstanden werden soll. Mensch muss ihn kritisch hinterfragen und seine Strukturelemente gründlich untersuchen, anstatt nur einzelnen Akteuren, Gruppen und Erscheinungen die Schuld für die Misere in die Sandaletten zu schieben!

ISRAEL – PROJEKTIONSFLÄCHE UND GARANT WIDER DER BARBAREI?

Antisemitismus ist keineswegs ein Produkt der NS-Ideologie. Er existierte schon lange vorher und kann auch heute noch weiterexistieren – offen propagiert oder auch latent geäußert. Er ist letztlich fester Bestandteil bürgerlichen (Fetisch-)Denkens und muss außerdem als blutiger Beweis für eine gescheiterte Aufklärung, als den mörderischsten Exzess dieser bürgerlichen Gesellschaft verstanden werden. Er ist zudem die letzte und äußerste krisenideologische Reserve des modernen Warenproduzierenden Systems, regelmäßig in Einbrüchen der Krise abrufbar.
Historisch konnte er sich aus dem Antijudaismus entwickeln, welcher sich wiederum aus der Gegensätzlichkeit zwischen Juden- und Christentum bedingte. Diese Entfaltung verlief dabei parallel zur Formation der bürgerlich-protestantischen Gesellschaft, der zunehmenden Industrialisierung und der Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Während dem klassischen Judenhass im Mittelalter eine religiöse Komponente zu Grunde lag, spielte diese beim biologistisch-rassischen Antisemitismus der säkularisierten Welt keine Rolle mehr. Alle aus der Gesellschaft resultierenden Widersprüche, sozialen Differenzen, sowie individuellen Vereinzelungen versteckten sich schließlich hinter einer negativen Projektion auf alles Jüdische. Entgegen jeder Rationalität „aufgeklärten Denkens“, handelte es sich bei dieser Form der sozialen Biologisierung um einen konstruierten Mystizismus. Der Judenhass manifestierte sich durch alle gesellschaftlichen Schichten in der westlichen Welt und fand schließlich in der Shoah seinen blutigen Höhepunkt.
Heute manifestiert sich Antisemitismus zumeist in einer Kritik am Staat Israel oder an dessen Politik. Dabei spielt insbesondere der Antisemitismus durch den Islamismus, der sich auch ganz klassischen antisemitischen Elementen bedient, eine besondere Rolle.
Wenn es um Solidarität mit Israel geht, wird von denen die diese Solidarität nicht teilen, ein ganz wichtiger Fakt völlig außer Acht gelassen: Es geht weniger darum einen Nationalstaat anzuhimmeln, sondern um die Erkenntnis – und das macht jede Kritik an diesem Staat zunichte: Israel entstand einzig als Reaktion auf das Scheitern der bürgerlichen Aufklärung, auf verspätete Notwehr gegen den Genozid an den europäischen Juden. Das ist es auch, was diesen Staat von sämtlichen anderen Staaten unterscheidet; er ist das Spiegelbild ihrer Entstehung, dass Ergebnis des Nationalismus und nicht nur ein Staat unter vielen!
Ob nun aber eine Solidarität mit diesem Staat dazu verkommt, dass er instrumentalisiert und als Projektionsfläche missbraucht wird oder ob die Solidarität als Grundlage für ein emanzipiertes Denken verstanden wird, darüber lässt sich aber definitiv streiten …. Dennoch muss für das radikallinke Grundverständnis bei aller berechtigten Kritik an Nation und Staat gelten: AM LÄNGSTEN LEBE ISRAEL!!!

LET´S DECONSTRUCTING THE REALITY
Das Denken, dass sich aus der bürgerlichen Ideologie unter dem Einfluss des Kapitalismus entfaltete, ist geprägt von einer Vielzahl konstruierter Kategorien. Fast Alles ist letztlich synthetisch geschaffen. Angefangen bei der Moral, der Identität, der Heteronormativität, einer Zuweisung spezifischer Geschlechterverhältnisse und letztlich selbst die Wissenschaft. Selbst die Hardliner unter den mir so vertrauten AnarchistInnen stellten sich gegen jegliche Instanz und Autorität. Nur die Wissenschaft und ihre Methodik wurden niemals kritisiert. Niemand stellte je die Erkenntnisse infrage, die sich über Jahrhunderte angesammelt hatten. Es ist aber an der Zeit diese starren Strukturen anzufechten und aus der „Statik“ etwas zu machen – was sie eigentlich ist, nämlich eine „Dynamik“.
Linke Kritik darf nicht nur Kritik an unmenschlichen Zuständen sein, sie muss die Faktoren, die diese Zustände bedingen entschieden anfechten. Es geht nicht nur um Kritik an patriarchalen Rollenzwängen, an konstruierter Moral und Regression. Es geht um viel mehr. Linke Kritik muss sich in der Ablehnung des bürgerlichen (Fetisch-)Denkens äußern. Sie muss die bestehenden Verhältnisse entschieden infrage stellen.
Aber linke Theorie und Praxis darf sich auch nicht in Fortschritts- und Technikfeindlichkeit äußern. Diese bedingt sich letztlich nur aus christlicher Tradition und Askese. Die Tatsache, dass es auf dieser Welt vielen Menschen schlecht aber nur einigen wenigen Mensche gut geht, erschließt sich aus den kranken Verhältnissen in denen wir leben. Nicht im Verzicht und in der Askese liegt der Schlüssel zur Emanzipation, sondern in der Erkenntnis: dass es allen gut gehen muss! Luxus, so sagte mal ein kluger Mensch: ist nur die Vorwegnahme der Utopie.

Geschichte wird gemacht

- Thesenpapier eines Diskussionsprozesses über eine mediale Inszenierung der notwendigen Bombardierung von Dresden 1945 vom Februar 2006 -

GESCHICHTE WIRD GEMACHT – MEDIALE INSZENIERUNG ALS INTEGRALER BESTANDTEIL DEUTSCHER ERINNERUNGSKULTUR

Im März flimmert der Zweiteiler: „Dresden“ über deutsche Fernsehschirme. Werden nun die Mythen und Legenden – die sich unhinterfragt um die Bombardierung der Stadt etablieren konnten – auch auf diesem Weg Einzug in deutsche Wohnzimmer finden? Wir werden es bald wissen!

Deutschland hat längst die Vergangenheit zu seinen eigenen Gunsten aufgearbeitet.
Mit Bedacht inszeniert, findet eine unreflektierte Erinnerungskultur – die nur fernab der Vernichtungslogik des Nationalsozialismus lokalisierbar ist – auch im Bereich der Medien statt.
Vokabular, wie „Bombardierung“, „Vertreibung“ oder „Kriegsgefangenschaft“ spielen im Repertoire des Gedächtnis-Entertainment – dass sich neben den üblichen Belästigungen durch Guido Knopp; auch in Exzessen wie: „Der Untergang“ oder „Der Brand“ zu behaupten versucht – eine wesentlichere Rolle, als die wahre Vernichtungslogik des Nationalsozialismus.
Bewusst wird mit einseitiger Geschichtsdeutung, Personifikation, Projektion oder gar mittels Ästhetisierung, die historische Wahrheit über den Nationalsozialismus relativiert.

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Medien setzen wir hier voraus. Uns geht es hier im Zusammenhang mit dem Dresdener Gedenkspektakel und seiner inhaltlichen Nähe zu Nazipositionen, um eine spezifische Auseinandersetzung mit seiner Inszenierung durch die Medien.

Woran liegt es, wenn sich im Zeitalter der globalen Vernetzung; des stetig wachsenden Kommunikations- und Informationsflusses, eine solches einseitiges Geschichtsbild verfestigen kann? Sind die Medien nur der Spiegel der Gesellschaft oder sind sie nur integraler Bestandteil einer umfassenden unkritischen Auseinandersetzung?

Die Omnipräsenz der Medien macht ihren Betrachtern glaubhaft, allseitig informiert zu sein. So wird letztendlich eine Auffassung geschaffen, welche die Realität auf eine Scheinwelt reduziert. Es entsteht also ein vereinfachtes Abbild.
Hinzu kommt, dass die Analyse einer durch die Medien vermittelten Information im Auge des Betrachters liegt. Das subjektive Selbstverständnis – bezüglich der allgemeinen Geschichtsauffassung kann hier auch vom kollektiven Selbst-verständnis ausgegangen werden – reflektiert sich hier nur auf eine andere Art und Weise.
Der Begriff: „Oral-History“ müsste in diesem Kontext, nach unserer Meinung durch das zeitgemäßer erscheinende Synonym: „Media-History“ ersetzt werden.
Ein auf Mythen und Legenden beruhendes Dresdener Gedenken im Speziellen; dass relativierende Geschichtsbewusstsein der BürgerInnen im Allgemeinen; und das an ihnen permanent feststellbare Projektionsverhalten, transformiert sich via Medien nun auf Kinoleinwände und Fernsehschirme. Somit können sich die bereits verfestigten Denkstrukturen letztendlich nur noch potenzieren.

Wie die ISF in ihrer 1997 formulierten Medienkritik richtig feststellten: duplizieren Medien die gesellschaftliche Interaktion durch ein positives Abbild.
Es offenbart sich eine Sprache ohne Referenz, ein Diskurs ohne Objekt.
Betroffene kommen gar nicht zur Sprache, stattdessen manifestieren sich inhaltsleere Gedenkevents mit offiziellem Charakter. Personifikation und Täter-Opfer-Verdrehung sind dabei keine Seltenheit.

Aus diesem Verständnis resultierend, dürfte es uns KritikerInnen des Dresdener Gedenkens auch nicht verwundern, wenn sich die Mythen und Legenden um die Bombardierung der Stadt, letztlich auch in der modernen Medienlandschaft lokalisieren lassen. Wie jeder falsche Umgang mit der historischen Wahrheit gilt für uns deshalb auch hier: „Es gibt kein richtiges Gedenken im Falschen.“

Abschließend noch ein paar Anmerkungen bezüglich zukünftiger Diskurse.
Bei aller berechtigten Kritik, stellen wir immer öfter fest, dass auch zahlreiche Auseinandersetzungen in unseren Zusammenhängen, oft zu dem gleichen Reduktionismus führen; der in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist.
Während Mensch sich richtig und logisch dem unkritischen Verhalten gegenüber distanziert, so verschwinden richtige und wichtige Inhalte aber auch zu oft im eigenen Mikrokosmos.
Dabei müsste es doch gerade uns – als progressive und emanzipatorische Linke – möglich sein, eine kritische perspektivübergreifende Distanz einzunehmen – einen kritischen Abstand zu den eigenen Positionen. Wir dürfen die Verhältnisse nicht nur wahrnehmen und kritisch überdenken, um uns dann von ihnen abzugrenzen!
Letztendlich unterliegen wir so nur genau dem Reduktionismus, den wir doch zu recht ständig anprangern.
Wir als Gruppe haben diesbezüglich momentan keinerlei Patentrezept, werden uns aber zukünftig darum bemühen, diesen Prozess in der eigenen Diskussion zu forcieren; in diesem Sinne möchten wir mit Ernst Bloch resümieren: wenn der Mensch durch die gesellschaftlichen Verhältnisse geformt wird; dann muss alles getan werden, damit die Gesellschaft menschlicher wird.

WE ARE GONNA FIGHT …

… UNTIL THIS SHIT ENDS!!!

-Broschüre 2005 -

Eine erneute Konfrontation mit rechter Gewalt, organisierten Nazistrukturen und einer ignoranten Zivilgesellschaft in unserer Region, zwang uns zu einer Reunion der Antifa RDL. Antifaarbeit reduziert sich für uns dabei schon längst nicht mehr nur auf reine Naziabwehr, sondern verlangt eine kritisch-objektive Gesellschaftsanalyse. Diese Broschüre ist die erste von zwei Druckschriften, welche einerseits einen aktuellen Überblick auf regionale Nazistrukturen vermitteln, zum anderen gleichzeitig unsere politischen Positionen dokumentieren. Wir wünschen Euch viel Spaß beim lesen und (hoffentlich) auch beim nachdenken! Ach so, noch was ganz wichtiges – eine Antifagruppe ist keine Dienstleistungsgesellschaft, die zur Naziabwehr aktiviert wird, wenn es notwendig ist! Antifaarbeit lebt nur von Eigeniniative und ein aktives Engagement ist notwendig, wenn eine solche Arbeit effektiv sein soll! Dezember 2005. [ANTIFA RDL RELOADED]

DAMALS …
Die Nähe zum Muldentalkreis spiegelt sich schon in der Vergangenheit auf der ideologischen Landkarte wieder. So gilt beispielsweise das Leisnig der 90er Jahre als Nazi-hochburg. Übergriffe auf MigrantInnen und linke Jugendliche stehen an der Tagesordnung. Es formiert sich eine Gruppe, die sich „Jungsturm Leisnig“ nennt und durch primitive Gewaltexzesse auffällt. Auf ihr Konto geht auch der Überfall auf das Leisniger MigrantInnenwohnheim in der Nacht vom 23. zum 24. Februar 1991, der zahlreiche zum Teil auch Schwerverletzte fordert. Da beim Überfall die gesamte Einrichtung des Wohnheims demoliert wird, werden die BewohnerInnen nach Delitzsch verlegt. Dort verstirbt ein aus Afghanistan stammender Mann – laut Presse – wegen mangelnder Versorgung. Am 17/18. August 1991 verüben Nazis einen erneuten Anschlag auf das Objekt. Dabei erleiden mehrere Personen Brandverletzungen.
In der Silvesternacht 1993 treffen sich einige Studenten mit Kerzen in den Händen auf dem Markt. Neonazis vermuten einen politischen Hintergrund und überfallen diese Gruppe. Dabei wird ein Student schwer verletzt und muss ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Am 22. Juni 1996, während der Bürgermob die 950-Jahrfeier der Stadt Leisnig zelebriert, gibt es wieder einen Überfall auf das Wohnheim. 40 Neonazis aus Leisnig und der näheren Umgebung versammeln sich vor dem Heim und provozieren die HeimbewohnerInnen. Nach einer kurzen Auseinandersetzung greift schließlich die Polizei ein und nimmt einige Angreifer fest. Nazis bestimmen nun zunehmend das Leisniger Stadtbild und nutzten diese hegemoniale Position mehr als handfest aus. Im Leisniger Schützenhaus und in einer Diskothek im nahe gelegenen Kleinpelsen finden mehrere Nazikonzerte statt.
Ständig kommt es zu brutalen Überfällen und zu wiederholten Versuchen das AZ Zigarre, sowie das MigrantInnenwohnheim anzugreifen. Bei einem solchen Versuch wird ein Bewohner des Objektes, der sich den Angreifern entgegenstellt, mit Baseballschlägern schwer misshandelt. Anschließend wird ihm aus nächster Nähe mit einer Gaspistole ins Gesicht geschossen. Aus einem fahrenden Auto heraus werden an einem anderen Tag Schüsse aus einer Gaspistole auf einen Antifaschisten abgegeben. Außerdem wird ein junger Migrant verletzt, nachdem er von Nazis am hellerlichten Tage und mitten im Stadtzentrum mit einem Bleirohr zusammengeschlagen wurde. Zum Gedenken an den 10. Todestag von Hitlerstell-vertreter Rudolf Heß mobilisieren Neonazis 1997 für eine Demonstration in Leisnig, die glücklicherweise nicht stattfindet.
Zahlreiche regionale Nazigrößen finden sich zudem auch nach 1994 auf den Kaderlisten der verbotenen NF (1) wieder oder waren bis zu ihrem Verbot in der Wikingjugend (2) aktiv.
Diese Liste ist nur unvollständig und offenbart bloß die Spitze des Eisberges neofaschistischer Strukturen. Im Jahre 1998 versucht die autonome Antifa RDL mit einer bundesweiten Demonstration auf diese Situation aufmerksam zu machen. Die Demonstration wird vom OVG Bautzen verboten. Das verhängte Verbot mit starken Polizei- und Bundesgrenzschutzaufgebot durchgesetzt. In den Augen einiger Lokalpolitiker sind diejenigen das Problem, die auf diese Naziangriffe aufmerksam machen oder sich dagegen zur Wehr setzen, nicht der um sich schlagende Nazimob. Dieses Problem wird schlichtweg ignoriert. So stellt ein Mitglied der CDU-Stadtratsfraktion die ungeheure Forderung, dass MigrantInnen sich doch so zu verhalten haben, das sie keinerlei Anlass zu Provokationen bieten.
Aber nicht nur in Leisnig gibt es ein offensichtliches Nazi-problem. Gewalttätige Übergriffe sind im gesamten Landkreis keine Seltenheit. Egal, ob der brutale Überfall auf das alternative Jugendhaus in Roßwein 1994; die permanenten Körperverletzungen durch Nazis; oder der Angriff auf einen Lokalpolitiker, der sich öffentlich gegen Nazis positioniert – die Nazigewalt ist Allgegenwärtig.
Neben diesen blinden Gewaltexzessen formieren sich aber auch außerhalb von Leisnig organisierte Strukturen. So findet beispielsweise in Keuern bei Döbeln eine Veranstaltung der DSU (3) statt, bei der als Redner Dr. Pierre Krebs, ein bekannter französischer Rechtsextremist auftritt. Etwa 40 AntifaschistInnen demonstrieren daraufhin spontan vor der Nazikneipe, die von einem Polizeikommando geschützt wird. Die Veranstaltung wird von Thomas Malkowski, dem Herausgeber der neurechten Zeitung „Neue Werte“ mitorganisiert. Dieser betreibt in Waldheim außerdem ein Antiquariat namens „Asgard“, das die lokale Naziszene mit allem versorgt, was das Naziherz begehrt. Am 10. Juni 1997 gründet sich der Kreisverband Döbeln der NPD (4) und dient seitdem als Auffangbecken für die Mitglieder zerschlagener Neonaziorganisationen. Die NPD versucht auch die zumeist unorganisierten Schlägerhorden für ihre Partei und ihre Jugendorganisation, die JN zu gewinnen. 1998 findet in Hermsdorf – einem Ort bei Döbeln – eine NPD-Veranstaltung statt. Als Redner tritt der bekannte Nazi Manfred Röder5 auf. Die Polizei geht mit äußerster Brutalität gegen die vor Ort demonstrierenden Antifas vor.
Trotz der Nazihegemonie gelingt es regionalen antifaschistischen Gruppen in der Folgezeit durch ein selbstbewusstes Auftreten die bestehenden Nazistrukturen mehr und mehr zurückzudrängen. Aber auch auf dieses engagierte Eintreten folgen lediglich staatliche Repressionen (6).

… WIE HEUTE.
Leider war dieses Zurückzudrängen nicht von sehr langer Dauer. Im Jahr 2001 kommt es zu einem brutalen Naziüberfall auf das alternative Cafe Courage in Döbeln, bei dem eine Person verletzt und die Einrichtung des Lokals zertrümmert wird. Außerdem gibt es im Oktober des gleichen Jahres mehrere Sachbeschädigungen an Schaufensterscheiben von Döbelner Dönerläden und Pizzerien, sowie an der Geschäftsstelle der PDS. Daraufhin kommt es zu spontanen Protesten von Antifas und alternativen Jugendlichen. Dennoch ist wiederum eine Zunahme der Nazigewalt spürbar.
Eine Veranstaltung der NPD soll Anfang 2004 in einer Döbelner Gaststätte stattfinden. Nach öffentlichen Protesten weigern sich die Inhaber den Nazis das Lokal zur Verfügung zu stellen. Im April meldet das Mitglied im JN-Bundesvorstand und NPD-Wahlkampfleiter Sascha Wagner eine Demonstration einer überparteilichen Iniative „Gegen Jugendarbeitslosigkeit und Globalisierung“ an. Aufgrund der Protestvorbereitungen gegen die Nazi-aktivitäten wird die Veranstaltung abgesagt.
Die Zahl politisch motivierter Übergriffe auf MigrantInnen und Andersdenkende nimmt hingegen zu.
In aller regelmäßigkeit kommt es zu Überfällen und Körperverletzungen. Den Höhepunkt bildet ein „Besuch“ einer Nazigruppe im Cafe Courage, am 08.10.2004, der erst durch einen Einsatzzug der Polizei unterbunden wird. Nachdem die Polizei das Lokal verlässt, versuchen die Nazis erneut ins Objekt einzudringen. Als dieses misslingt greifen sie auf dem benachbarten Wettinplatz einen nichtrechten Jugendlichen an. Die erneut verständigte Polizei wird von der Nazigruppe angefallen.
Am nächsten Tag provozieren ca. 15 Nazis bei einem Open-Air-Fest in Etzdorf mit rechten Parolen. Jugendliche, welche die Gruppe auffordern dies zu unterlassen werden angegriffen. Eingreifende Polizisten werden von den Nazis ebenfalls attackiert.
Besonders in Leisnig registrieren AntifaschistInnen aber auch zivilgesellschaftliche Gruppen einen enormen Anstieg rechtsextremer Gewalttaten, die zudem ein ungewohnt hohes Maß an Brutalität aufweisen. So kommt es in den vergangenen Monaten regelmäßig zu Übergriffen auf linke Jugendliche bzw. auf deren Wohnprojekt. Ein Punk wird mitten im Stadtzentrum von 6 Nazis angegriffen, dabei versuchen sie ihm die Haare anzuzünden und berauben ihn seiner Jacke und seiner Geldbörse. Tags darauf wird eine junge Frau von 5 Nazis mit einem Messer bedroht und verletzt. Bei einem anderen Vorfall werden zwei Jugendliche durch einen Nazi mit einer Schusswaffe bedroht und gezwungen sich mitten auf die Strasse zu setzen. Anschließend rast ein anderer Nazi mit dem Auto auf beide zu. Glücklicherweise wird dabei niemand verletzt.
Diese Vorfälle markieren aber nur Höhepunkte einer Reihe rechtsextremer Übergriffe. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen entwickelt sich die Bergstadt zunehmend wieder zu einer No-Go-Area für nichtrechte Jugendliche, die sich vor allem in den Abendstunden nur noch mit Angst auf die Straßen trauen können und ständig damit rechnen müssen, von Nazis angegriffen zu werden.
Die Polizei bestätigte die Vorfälle im Übrigen, stellt aber in den meisten Fällen die politische Motivation jedoch noch in Frage.

Mit dieser Gewaltwelle einhergehend ist eine landkreisweite Koordinierung des Nazipotentials zu ver-zeichnen. In der Kreisstadt Döbeln versuchen Nazis eine alte Lagerhalle an der B 169 zu einem Treffpunkt mit Konzertlocation auszubauen. Nur auf öffentlichen Druck von AntifaschistInnen gelingt es wenig später die Nazis vor die Tür zu setzen. Dabei fällt auf, dass zahlreiche personelle Überschneidungen zur regionalen und überregionalen NPD existieren. So werden in den Räumlichkeiten auch Veranstaltungen der NPD abgehalten und der lokale Wahlkampf 2004 organisiert.
Zum „Tag der Sachsen 2004“ in Döbeln, präsentieren sich NPD, JLO (7) und DSU mitten im Landtagswahlkampf auf dem Festgelände. Es formiert sich spontan eine Antifademonstration, die gegen die Präsenz der Nazis protestiert.
Ein weiteres Quartier der Nazis befindet sich immer noch in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Halle. Erst im Oktober wird dort bei einer Polizeirazzia verfassungsfeindliches Material beschlagnahmt und ein Ermittlungsverfahren gegen drei Nazis eröffnet.
In regelmäßigen Abständen finden in Döbeln Nazikonzerte statt. In jüngster Vergangenheit Können der 12.11. und der 10.12. 2005 als Termine für solcherlei Events genannt werden. Das Konzert am 10.12. findet wieder nahe der erwähnten Lagerhalle an der B 169 statt. Ein großes Polizeiaufgebot versucht das Konzert aufzulösen, die Nazis haben sich aber im Objekt verbarrikadiert und wehren sich durch Flaschen- und Steinwürfe. Zehn Polizisten werden bei dieser Auseinandersetzung verletzt. Im Objekt befinden sich nach Polizeiangaben über 250 Personen. Nach einer Zeit gelingt es der Polizei das Objekt durch eine Betonwand zu stürmen. Insgesamt sollen – laut Polizeibericht – fast 500 Nazis zum Konzert unterwegs sein, etwa 250 Personen werden durch Vorkontrollen bereits im Voraus abgefangen. Gegen die Personen im Objekt wird unter anderem wegen Landfriedensbruch ermittelt.
Dies beweist, dass auch intensive Kontakte zur rechten Musikszene bestehen und gepflegt werden.
Seit dem Spätsommer betreibt außerdem ein Nazi in der Bahnhofsstrasse ein Geschäft für Softairwaffen. Beobachtet Mensch die Klientel dieses Ladens, zeigt sich, dass hier ein neuer Treff- und Informationspunkt geschaffen wird. Zudem dient das Geschäft zur Rekrutierung von Nachwuchs.

Die verantwortlichen Lokalpolitiker verharmlosen das Problem natürlich, um nicht gemeinsam mit Städten wie Wurzen und Pirna genannt zu werden. Dieser Standortnationalismus ermöglicht es den Nazis, ganz unbehelligt ihre bestehenden Strukturen zu festigen und weiter auszubauen.

DER GANZ NOMALE DEUTSCHE WAHNSINN.
Um auf diese, aus unserer Sicht unerträgliche Situation aufmerksam zu machen, findet bereits am 29.10. 2005 eine Spontandemonstration in Leisnig statt. Nach diesem gelungenen Event kommt es durch antifaschistischen Protest zu einer nachhaltigen Störung einer, in unmittelbarer Nähe stattfindenden Versammlung der JN. Diese Veranstaltung, bei der ein neuer JN-Stützpunkt Döbeln-Meißen gegründet werden soll, kooperiert mit den Bestrebungen der NPD in der Region organisatorisch Fuß zu fassen. Das Potential dazu ist auf jeden Fall vorhanden, erlangt die Partei zur Landtagswahl 2004 doch nahezu in allen Wahlkreisen zweistellige Ergebnisse. Dieser Trend bestätigt sich auch bei der zurückliegenden Bundes-tagswahl, als in manchen Gemeinden bis zu 9% der Stimmen auf die NPD fielen.
Anwesend waren an diesem Nachmittag neben dem NPD-Landtagsabgeordneten Mathias Paul; dem im SSS- Prozess verurteilten Thomas Rackow (der gleichzeitig Betreiber eines im Februar von antifaschistischen Netguerillas gehackten Internetportals ist) auch der bekannte Naziterrorist Peter Naumann (8).

In der nachfolgenden Woche setzt sich dann in der Öffentlichkeit ein bisher beispielloser Verleumdungsapparat in Gang. So hetzt die Lokalpresse beispielsweise gegen ein von permanenten Naziangriffen betroffenes linkes Leisniger Wohnprojekt und betitelt dieses wortwörtlich als „Terrorzelle“. Eine Gegendarstellung der BewohnerInnen wird gar nicht erst abgedruckt. In einem persönlichen Kommentar unterstreicht die Chefredakteurin der Döbelner Allgemeinen Zeitung zudem, dass die Betroffenen rechtsradikaler Gewalt ja nur wegen ihrer äußerlichen Provokation zu Opfern werden. Anstatt einer öffentlichen Aufarbeitung des Naziproblems, wird lieber gegen die TeilnehmerInnen der Demonstration – welche die Idylle der Bergstadt erschütterten – gehetzt. Den vorläufigen Höhepunkt bildet zurzeit eine Polizeirazzia im besagten Wohnprojekt. Am Morgen des 08.12. stürmten bewaffnete Polizisten das Haus. Neben der Angst vor erneuten Überfällen und der Kriminalisierungskampagne der Presse bekommen die BewohnerInnen nun schließlich auch staatliche Repressionen zu spüren. Opfer werden zu Tätern – ganz normale deutsche Zustände eben.

Der NPD-Kreisverband unter Gisela Böhmer (9) sowie die JN verstärken in der Zwischenzeit ganz in Ruhe ihr Engagement. Regelmäßig finden in den Städten des Landkreises Infoveranstaltungen statt. Es regt sich weder von bürgerlicher noch von politischer Seite nennenswerter Widerstand. Die Partei baut sich in der Region eine noch festere Struktur auf, es ist auch nicht auszuschließen, dass sie erwägt auf kommunalpolitischer Ebene aktiv zu werden.
Wir werden diese Realität aber nicht akzeptieren und uns entschieden gegen diese Zustände wehren!SAVE THE RESISTANCE!!!

CAUSE ACTION CHANGES MORE THAN IGNORANCE!
Als KommunistInnen und AnarchistInnen mit einem antinationalem Background ist Antifaarbeit für uns natürlich mehr, als sich nur gegen Nazis zu positionieren. Die folgenden Artikel dienen der Dokumentation politischer Denkanstöße. Sie sind Folge persönlicher Entwicklungen, langer Diskussionen, gesellschaftlicher Reflexionen und einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen politischen Praxis.

„Beginnen wir mit einem Schrei […] Angesichts der Verstümmelung menschlicher Existenz durch den Kapitalismus ist es ein Schrei der Traurigkeit, ein Schrei des Erschreckens, ein Schrei der Wut, ein Schrei der Negation: Nein!
Das Denken muss negativ sein, um die Wahrheit des Schreis auszudrücken. Wir wollen die Welt nicht verstehen, ohne sie zu negieren. Das Ziel der Theorie besteht darin, die Welt negativ zu begreifen, nicht von der Praxis getrennt, sondern als Moment von Praxis, als Teil des Kampfes, um die Welt zu verändern, um aus ihr einen würdigen Ort der Menschheit zu machen.“ John Holloway

STAATSANTIFASCHISMUS, NEIN DANKE!
Spätestens seit dem von Schröder propagierten „Aufstand der Anständigen“ wird antifaschistischer Protest auch zur staatstragenden Aufgabe erklärt. So wird am 8. Mai auch schon mal ein „Fest der Demokratie“ zelebriert, das als öffentlicher Protest gegen einen nur wenige hundert Meter entfernten Naziaufmarsch gedacht ist. Dieses scheinbare Engagement verwischt dann aber auch ganz geschickt die Realität.
Die Verschärfung des Asylgesetzes zugunsten einer „Veredelung deutscher Lebenskultur“ wird vertuscht, ebenso die perverse und unmenschliche Abschiebepraxis der BRD. Die an Großmachtstreben ausgerichtete deutsche Außenpolitik legitimiert wieder Angriffskriege, wie beispielsweise in Jugoslawien und Afghanistan. Immer mehr individuelle Freiheiten des Einzelnen werden zugunsten eines an Law And Order ausgerichteten Über-wachungsapparat einschränkt. Der biometrische Pass ist dabei nur der neueste Clou, nachdem die Überwachung öffentlichen Raums scheinbar für viele schon Realität geworden ist.
Nach Auffassung unserer Gruppe sollte es zum Standard einer radikalen linken Position gehören, sich gegen den Staat und seinen immanent repressiven Charakter zu positionieren. Der Staat als ein Konstrukt, welches das Kollektiv zur kapitalistischen Gesellschaft verkettet und ihre Rechtsnormen schafft, damit die gegenseitige Ausbeutung funktional bleibt, ist generell abzulehnen. Eine Beteiligung an staatlichen Initiativen steht also für uns primär nicht zur Debatte

DER ZIVILISATIONSBRUCH AUSCHWITZ UND DIE DEUTSCHE REALITÄT.
Die Bundesrepublik von heute, hat ihr Schamgefühl schon längst abgelegt. Der postnationalsozialistische Staat steht längst nicht mehr für den Zivilisationsbruch Auschwitz. Die eigene Schuld wird verdrängt, personifiziert oder projiziert.
Geschickt inszeniert findet neuerdings zudem eine mediale Erinnerungskultur, jenseits der NS-Vernichtungsmaschinerie statt. Synonyme wie „Bombardierung“, „Vertreibung“ oder „Gefangenschaft“ spielen heute eine weitaus größere Rolle, als die Gaskammern der KZs. Die wahre Vernichtungslogik wird wieder einmal relativiert!

Was ist aber mit den Firmen, die ihren Profit auf Kosten der bis zur physischen und psychischen Vernichtung arbeitenden Zwangsarbeiter maximierten? Was ist mit den Handwerkern, welche die Vernichtungsmaschinerie installierten und warteten? Was ist mit den Soldaten, die unterschiedslos auf Frauen, Kinder und Männer schossen? Was ist mit den Eisenbahnern, welche die Transporte in die KZs fuhren? Was ist mit den Angestellten, welche die Vernichtung akribisch und mit „deutscher Gründlichkeit“ organisierten? Was ist mit den Hausfrauen, die „arisierte“ Möbel ersteigerten? Was mit den Familien, welche die Wohnungen von Deportierten bezogen?
Dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nie stattgefunden hat, spielt heute eine untergeordnete Rolle. Schließlich hat Mensch ja aus der Geschichte gelernt und das „neue“ Deutschland spielt ganz unbefleckt wieder in der Oberliga mit.
Eine Reflexion der echten gesellschaftlichen Zustände kann und muss deshalb auf Basis einer negativen Kritik an der Vergangenheit erfolgen! In diesem Sinne – Oma, Opa und Hans-Peter sind keine Opfer, sondern Täter!

KNOW YOUR ENEMIES!
Die Vorstellung, dass irgendwelche Subkulturen einen wesentlichen Gegenpol zur Refaschisierung der Gesell-schaft darstellen ist abstrakt. Es ist völlig naiv zu behaupten, dass innerhalb solcher Strukturen ein emanzipatorisches Moment vorhanden ist. Eine kritische Reflexion der eigenen politischen Praxis beweist, dass sich auch innerhalb der autonomen Antifabewegung unkritische Analysen, dummes Machogehabe, sinnlose Gewaltglorifizierungen und romantischer Antikapitalismus vermengt mit einer kräftigen Brise Antisemitismus etablieren konnten.

So ist es auf der anderen Seite auch nicht verwunderlich, wenn in den letzten Jahren zunehmend zu beobachten ist, dass sich Nazis aus ihren traditionellen Subkulturen heraus, in ein breiteres Spektrum wagen. Dabei werden bewusst auch Szenen anfixiert, die primär einen scheinbar antifaschistischen Anspruch haben (z.B. Punk/HC).
Trifft Mensch den Typus des kahlgeschorenen, Springer-stiefeltragenden Nazis in unseren dörflichen Breitengraden manches Mal noch an, findet aber auch in der hiesigen Neonaziszene ein zunehmender Outfitwandel statt. Während auf der einen Seite, für den Laien unscheinbare Nazimode (z.B. Thor Steinar) getragen wird, die dennoch versteckte Codes und Symboliken enthält, werden von anderen Nazis bewusst Symbole und Style der autonomen Bewegung kopiert und verwendet.

Allerdings muss Mensch aber auch eindeutig zwischen alternativer Subkultur und radikallinken Positionen unterschieden. So erscheint es heutzutage auch nicht verwunderlich, wenn so mancheR JugendlicheR mit Antinazipatches und Nazis-Raus-Buttons auf dem Rucksack herumläuft, ein Palituch um den Hals trägt (obwohl dieses Kleidungsstück zu den größten Verirrungen linker Geschichte gehört und für Nazis sehr attraktiv ist!), während aus dem MP3-Player Mias grässlicher Schrei nach einem „neuen Deutschland“ dröhnt.

Fußnoten:
(1) Nationalistische Front. 1994 verboten. Verbreitete nationalsozialistisches Gedankengut, stellte aggressiv-kämpferisch, rassistische sowie antisemitische Forderungen und rief zum Widerstand gegen die staatliche Ordnung auf. Sie propagierte die Überwindung des von ihr abgelehnten staatlichen Systems.
(2) Paramilitärische rechte Jugendorganisation, die sich an der Hitlerjugend orientierte. 1994 verboten.
(3) Deutsche Soziale Union. Rechtskonservative Partei, die vorrangig in den neuen Bundesländern präsent ist.
(4) Nationaldemokratische Partei Deutschland. 1964 gegründet, verfehlte sie 1969 nur knapp den Einzug in den Bundestag. Sie spielte danach bis Mitte der 90er eine eher unbedeutende Rolle. Nach der Verbotswelle rechtsextremer Parteien und Gruppen 1993/94 fungierte sie als Sammelbecken für versprengte Rechtsextremisten. In den letzten zehn Jahren entwickelte sie sich (mit Schwerpunkt Sachsen) zur bedeutsamsten rechts-extremen Partei in der BRD.
(5) verübte 1980 mehrere Brand- und Sprengstoffanschläge auf Unterkünfte von MigrantInnen, eine jüdische Schule und eine Ausstellung über das KZ Auschwitz. Zwei Menschen wurden durch einen der Anschläge getötet.
Im Dezember 1997 kam es zu einem Medieneklat, als bekannt wurde, dass er 1995 auf Einladung der Führungs-akademie der Bundeswehr einen Vortrag gehalten hatte.
(6) Nach einer Antifaaktion in Leisnig kam es 1998 zu mehreren eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen „angeblich“ beteiligte Personen. Die nachfolgende Prozesswelle zog sich über mehrere Jahre hin und endete in allen Fällen mit Freispruch.
(7) Junge Landsmannschaft Ostpreußen. Die ehemalige Jugendorganisation der Landsmannschaft Ostpreußen. Existiert in Sachsen als rechtsextreme Gruppe weiter.
(8) Ehemaliger Naziterrorist, der wegen mehrerer Sprengstoffanschläge in der BRD und Italien verurteilt wurde. Plante 1982 mit einem Komplizen die Befreiung von Rudolf Heß aus dem Kriegsverbrechergefängnis in Spandau. Mittlerweile als Angestellter der NPD-Landtags-fraktion tätig.
(9) Ursprünglich aus Niederbayern stammende Kreisverbandschefinnen der NPD. Schon seit Jahren im rechten Dunstkreis aktiv, fiel sie dort auch bereits im Zusammenhang mit einer Körperverletzung auf.